Warum Nistkästen heute so wichtig sind

Ein Experte erklärt, welche Vogelarten profitieren und worauf Gartenbesitzer jetzt achten sollten

Naturnahe Gärten gelten als wertvoller Rückzugsort für Vögel – doch allein darauf können sich viele Arten längst nicht mehr verlassen. Alte Bäume mit Bruthöhlen verschwinden, Totholz wird aus Sicherheitsgründen entfernt, selbst in privaten Gärten. Nisthilfen sollen diese Verluste ausgleichen, werfen aber viele Fragen auf: Welche Nistkästen sind sinnvoll, welche Arten nutzen sie wirklich – und wo hängt man sie richtig auf? Im Interview erklärt Mario Göwert vom NABU Oldenburg, warum Nistkästen heute wichtiger sind denn je und weshalb sie nur in Kombination mit einem natürlichen Garten ihre volle Wirkung entfalten

Warum sind Nistkästen heute überhaupt nötig?

Immer mehr Bäume fallen der urbanen Erschließung zum Opfer. Zudem werden noch immer viel zu viele alte Bäume privat entnommen. Dazu kommt, dass aus Gründen der Wegesicherung das Totholz, welches häufig natürliche Bruthöhlen beinhaltet, aus den Bäumen geschnitten wird.  So verschwinden natürliche Behausungen für Fledermäuse und Vögel, die kompensiert werden müssen.

Welche Vogelarten profitieren besonders von Nisthilfen?

  • Im Garten: Kohl- und Blaumeise, Star, Feldsperling, Trauerschnäpper, Rotkehlchen, Gartenrotschwanz

  • An Gebäuden: Mauersegler, Mehl- und Rauchschwalbe, Haussperling, Hausrotschwanz

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Welche Unterschiede gibt es bei Nistkästen grundsätzlich?

Es gibt die üblichen geschlossenen Nistkästen mit den folgenden Lochgrößen:

  • 28 mm für Blau- und Tannenmeise

  • 32 mm für Kohlmeise, Feldsperling, Trauerschnäpper

  • 45 mm für Star, Eichhörnchen

Dann gibt es Halbhöhlen für den Hausrotschwanz, Grauschnäpper und das Rotkehlchen.

Zuletzt gibt es noch spezielle Nest-Nachbauten aus Holzbeton für

  • Mehlschwalben – brüten außen am Haus und haben nur ein kleines Einflugloch

  • Rauchschwalben – brüten in Ställen und Scheunen und sind nur halbgeschlossen

  • Mauersegler – werden an Dachüberständen in mindestens 5 Meter Höhe aufgehängt und sollten einen freien Anflug haben

Aus welchem Material sollte ein guter Nistkasten bestehen?

Es gibt Holzbetonkästen und Holzkästen.

Holzbetonkästen haben den Vorteil, dass sie extrem lange halten, sind aber teuer und heizen sich bei direkter Sonnenbestrahlung stark auf. Zudem sind sie sehr schwer, weshalb der Haltebügel schnell in den Stamm einwächst.

Holzkästen haben den Vorteil, dass sie günstig sind und sich nicht so schnell aufheizen. Sie haben nicht die Langlebigkeit wie ein Holzbetonkasten, halten aber auch viele Jahre. Noch besser sind Kästen aus Hartholz.

Sind „Design-Nistkästen“ aus dem Handel aus Ihrer Sicht problematisch?

Wenn die Bruthöhle groß genug ist, das Loch richtig angebracht wurde und zudem die Lochgröße passt, der Innenraum so gefertigt wurde, dass die Jungvögel beim Füttern das Einflugloch erreichen können, also genügend Halt finden, kein schadstoffbelastetes oder nicht atmungsaktives Material verbaut wurde, dann ist das okay. Die Farbe spielt erfahrungsgemäß nur eine untergeordnete Rolle.

Wo hängt ein Nistkasten idealerweise?

Hier sind die idealen Höhen für

  • Meisen: 1,5 bis 3 Meter

  • Star: Ab 4 bis 5 Meter aufwärts

  • Rotkehlchen: 1,5-2 Meter hoch in einer heimlichen, verwilderten, schattigen Ecke

Die meisten Vogelarten kommen mit 3 Meter Höhe gut zurecht. Die volle Mittagssonne sollte vermieden werden und die Nistkästen sollten nicht Richtung Westen angebracht werden.

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Gibt es typische Standortfehler, die Sie immer wieder sehen?

Die Sicht aus dem Einflugloch sollte nicht direkt davor verbaut sein. Es empfiehlt sich lieber zu viele Kästen aufzuhängen als zu wenig, auch wenn nicht immer alle Kästen besetzt sind. Viele Kästen werden dann auch als Schlafplätze oder als Witterungsschutz genutzt.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um Nistkästen aufzuhängen?

Am besten schon im Herbst oder am Anfang des Jahres. So können sich die Vögel im Zuge der Revierbildung in Ruhe eine Behausung aussuchen und finden zudem in der kalten Jahreszeit einen Schutzraum.

Müssen Nistkästen regelmäßig gereinigt werden – und wenn ja, wann?

Von der Natur aus ist das nicht vorgesehen. Von daher ist es nicht erforderlich, zumindest nicht jedes Jahr. Vögel reinigen die Kästen bis zu einem gewissen Grad selbst.

Welche Irrtümer rund um Nistkästen begegnen Ihnen am häufigsten?

Viele Leute denken tatsächlich, dass beispielsweise Amseln oder Buchfinken in Höhlen brüten. Das zeigt, dass die Umweltbildung sehr rückläufig ist oder zumindest stark ausbaufähig.

Reicht ein Nistkasten allein aus, um Vögeln zu helfen?

Je mehr Kästen aufgehängt werden – auch mit verschiedenen Lochgrößen (28,32 und 45 mm) – desto mehr Arten sind vor Ort. Das liegt zum einen einfach an den verschiedenen Lochgrößen, zum anderen daran, dass Kästen nicht besetzt werden, wenn sich Reviere überschneiden und so Zugvögel wie der Trauerschnäpper (die später kommen) auch noch einen freien Nistkasten finden.

Haben Sie einen abschließenden Tipp?

Der beste Nistkasten nützt nichts, wenn das Umfeld nicht passt! Ein natürlicher Garten ist immer das Wichtigste. Nur dann ist gewährleistet, dass die Jungen von den Alttieren ausreichend mit Futter versorgt werden (können) und nicht verhungern.

Von Janine Schulze