Expertentipps zum naturnahen Gärtnern
Wie private Gärten zur Artenvielfalt beitragen
Ein gepflegter Rasen und bunte Blüten allein machen noch keinen naturnahen Garten. Wer Igel, Wildbienen und Schmetterlingen ein Zuhause bieten will, braucht Mut zur Vielfalt – und etwas Geduld. Nadja Krause, Leiterin der Niedersächsischen Gartenakademie, erklärt im Gespräch, warum private Gärten eine Schlüsselrolle für den Erhalt der biologischen Vielfalt spielen, weshalb Totholz kein Makel, sondern ein Schatz ist, und wie selbst kleine Veränderungen große Wirkung zeigen können.
Was bedeutet für Sie persönlich ein „naturnaher Garten“?
Ein naturnaher Garten beginnt für mich, wenn Gartenbesitzerinnen und -besitzer nicht nur an Gestaltungsideen für sich denken, sondern Gartenbewohner wie Vögel, Igel, Insekten und Nützlinge mit einbeziehen und ihnen Unterschlupfmöglichkeiten, Nistmöglichkeiten, Wasser und Nahrung bieten.
Welche Rolle spielen private Gärten heute für den Erhalt der biologischen Vielfalt?
Private Gärten spielen eine große Rolle bei der Biodiversität. Landwirtschaftliche Fläche sind mittlerweile sehr groß und häufig werden nur wenige Kulturen angebaut. Für die biologische Vielfalt sowohl bei Pflanzen als auch Tieren braucht es aber eher kleinteilige Ökosysteme, die abwechslungsreich sind. Das schaffen unsere Gärten. Auf kleinem Raum gibt es im Idealfall Hecken, Baumkronen, Blütenfülle, Obstgehölze und Wasserstellen. Es gibt eine Studie, die besagt, dass alle Gärten in Deutschland zusammen die gleiche Fläche haben wie alle Naturschutzgebiete in Deutschland. Von daher sind unsere Gärten hier von großer Bedeutung.
Viele Gartenbesitzer glauben, ihr Garten sei naturnah – welche Missverständnisse gibt es hier?
Ein blühender Garten mit ein paar Schmetterlingen und ein paar Bienen macht noch keinen naturnahen Garten. Wichtig ist es, der Natur wirklich einen Raum im Garten zu geben und Lebensräume nachzubilden. Eine ansprechende Gartengestaltung schließt naturnah nicht aus. So kann z.B. eine gut gesetzte Trockenmauer ein Lebensraum und gleichzeitig Gestaltungselement sein.
Welche Elemente sind aus fachlicher Sicht unverzichtbar für einen naturnahen Garten?
Totholz- und Steinhaufen (gerne auch als Trockenmauer oder Friesenwall)
Wasserstellen
Blüten vom zeitigen Frühjahr bis zum Frost hinein
spezielle heimische Pflanzen für Schmetterlinge, Hummeln und Wildbienen
Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel sowie mineralische Dünger

Welche Tierarten profitieren besonders schnell von naturnah gestalteten Gärten?
Von einem naturnahen Garten profitieren viele Tiere. Das beginnt bei Insekten und geht dann über zu Tieren, die wiederum Insekten fressen. Das ist auch das große Problem beim Insektensterben. Insekten bilden die Grundlage in der Nahrungskette. Deswegen haben es Vögel immer schwerer. Selbst reine Körnerfresser wie Buchfink, Stieglitz oder Spatzen brauchen zur Jungtieraufzucht Insekten. Aber auch Eidechsen, Igel und räuberische Insekten wie Wespen oder Hornissen brauchen andere Insekten als Nahrung.
Welche Bedeutung haben heimische Pflanzen im Vergleich zu exotischen Zierpflanzen?
Unsere heimischen Insekten haben sich über tausende Jahre an unsere heimische Flora angepasst. Die Anpassung gibt es bei den sogenannten Exoten noch nicht. Oftmals gibt es Spezialisierungen zwischen Insekt und Pflanze. Bei den Wildbienen z. B. sind 30 % auf eine spezielle Pflanzenfamilie, -gattung oder sogar -art spezialisiert. Fehlt dann diese Pflanze im Garten, fehlt auch das Insekt.
Wichtig zu verstehen ist, dass die Spezialisierung meist auf der Futterpflanze für die Brut besteht. Die Efeu-Seidenbiene trägt nur den Pollen von Efeu in die Brutröhren ein. Die Larven ernähren sich dann von dem Pollen. Als erwachsene Wildbiene trinken sie Nektar und sind da wenig wählerisch. Und diese Spezialisten sollten durch ihre Futterpflanze gefördert werden.
Hummeln oder Honigbienen sind sogenannte Generalisten. Diese kommen sozusagen von allein, weil sie Pollen und Nektar von einer Vielzahl an Pflanzen sammeln. Das Gleiche trifft auch auf viele Schmetterlingsarten zu. Schmetterlinge trinken Nektar und kommen an Nektar, der in tiefsitzenden Blüten versteckt ist.
Eine wichtige Raupenfutterpflanze ist hier die Brennnessel. Ohne die Brennnessel gibt es keinen C-Falter, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral oder Landkärtchen. Der Schwalbenschwanz legt seine Eier nur an Doldenblütler wie Wilde Möhre, Fenchel. Dill oder Gartenmöhre. Wer also tanzende Schmetterlinge in seinem Garten sehen möchte, muss auch die Raupen zulassen.

Wie wichtig sind Strukturen wie Totholz, Laubhaufen oder offene Bodenstellen?
Totholz ist immens wichtig. Es bietet Schutz, Nahrung und Nistmöglichkeiten in einem und das für unterschiedlichste Tiere. Neben Insekten und Pilzen sind dort auch Vögel, Kröten, Eidechsen oder auch Blindschleichen anzutreffen und auch der Igel stöbert dort nach Fressbarem oder nutzt Totholz als Unterschlupf.
Laubhaufen sind gerade im Winter wichtig. Sie decken unsere Beete wie eine Decke und schützen damit vor extremen Temperaturschwankungen. Daher überwintern dort auch eine Menge Lebewesen wie Käfer, Spinnen, Tausendfüßer, Asseln, Amphibien oder Igel. Und letztendlich bildet sich aus dem Laub wertvoller Humus für unsere Pflanzen.
Offener Boden ist besonders wertvoll für viele Wildbienen. Dreiviertel unserer Wildbienen brüten im offenen Boden. Denen nützen „Insektenhotels“ wenig. Wer keine offenen Stellen im Garten hat, kann diese mit einem Sandarium nachbilden.

Naturnahe Gärten gelten oft als „unaufgeräumt“. Wie begegnen Sie diesem Vorurteil?
Vielleicht liegt es daran, was wir Menschen als „aufgeräumt“ ansehen. Wenn man sich Wälder anschaut, in denen der Mensch nicht viel eingreift, liegen eben auch tote Bäume herum. Die Natur räumt diese auch weg, es dauert nur länger. Und während dieser Zeit ist der tote Baum Lebensraum, Nahrung und Versteck und erfüllt auch über seinen Tod hinaus eine Aufgabe. Ich wünsche mir beim Aufräumen mehr Gelassenheit.
Ist naturnahes Gärtnern tatsächlich pflegeleichter oder einfach nur anders in der Pflege?
Ich würde tatsächlich sagen, es ist eine andere Pflege. Arbeitssparender wird es natürlich, weil man z. B. statt Rasen, den man wöchentlich mähen muss, einen Kräuterrasen oder Blumenwiese hat. Aber auch darum muss man sich kümmern. In einem naturnahen Garten muss auch regulierend eingegriffen werden. Sonst überwuchert auch hier eine Pflanze die andere. Und letztendlich ist ein Garten nie fertig. Sobald sich Bedingungen ändern, verändert sich auch der Garten. Ich persönlich finde das aber unwahrscheinlich spannend und faszinierend.

Wie lässt sich Naturnähe mit gestalterischen Ansprüchen vereinbaren?
Bei der Gestaltung muss man nicht unbedingt den Kompost oder den Totholzhaufen in den Mittelpunkt des Gartens rücken, sondern sucht dafür einen Platz eher im Hintergrund, wo diese nicht weiter auffallen. Ansonsten gelten bei der Gestaltung eines naturnahen Gartens die gleichen Grundsätze wie sonst auch: Strukturen schaffen und gliedern. Wege, Mauern oder Hecken geben diese vor.
Gestalterische Empfehlungen für deinen Naturgarten:
Heimische Heckenpflanzen wie Hainbuche, Rotbuche, Liguster oder Eibe pflanzen
Obstgehölze wie Apfel, Kirsche, Birne oder Pflaumen als Strukturgeber – sie blühen im Frühjahr, sind bei Bestäubern beliebt und fruchten im Sommer bzw. Herbst
Bei den Wegen und Mauern auf Natursteine setzen, die aus der Region kommen oder recycelt sind
Die Beetbepflanzung sollte möglichst eine Vielzahl an heimischen Pflanzen beinhalten – Wiederholungen bei der Bepflanzung schaffen Ruhe
Ein Wasserspiel ist Blickfang und gut gemacht auch Wasserstelle für Vögel und Insekten
Eine Kräuterspirale ist ein Hingucker im Garten – blühende Kräuter sind bei Insekten sehr beliebt und die Fugen der Steine bieten einen zusätzlichen Lebensraum

Welchen ersten Schritt empfehlen Sie Menschen, die ihren Garten naturnaher gestalten möchten?
Egal ob naturnaher Garten oder nicht – erst Planen, dann pflanzen! Erst einmal eine Bestandsaufnahme im Garten machen:
Was gibt es bereits, z. B. an Hecken, Beeten, Bäumen usw.?
Die Standortbedingungen erfassen: Wo ist es sonnig, wo schattig, wo trocken oder eher nass, welchen Boden habe ich im Garten?
Mit der Familie die Bedürfnisse erfassen: Brauchen die Kinder eine Spielecke oder auch Rasen, weil getobt und Fußball gespielt wird? Soll der Sitzplatz vergrößert werden, um Gartenpartys feiern zu können? Usw.
Dann nach und nach, abhängig von den eigenen Prioritäten, den Garten umgestalten
Welche Fehler sollte man besonders am Anfang vermeiden?
Zu schnell zu viel wollen. Meist brennt das Feuer der Leidenschaft am Anfang. Es kommen die ersten Rückschläge oder Verzögerungen und plötzlich geht einem die Luft aus. Daher langsam mit einer Ecke anfangen und sich nach und nach im Garten vorarbeiten.
Haben Sie einen abschließenden Tipp?
Seien Sie nicht zu dogmatisch. Unsere Gärten sind durch uns geschaffene Kulturlandschaften. Wenn Sie Sonnenhut, Lavendel, Katzenminze, Duftnessel oder auch Zierkirschen mögen, dann pflanzen Sie diese. Solange heimische Pflanzen dazu kombiniert werden, finden auch Insekten ihren Platz im Garten.
Bei Fragen hilft das Gartentelefon der Niedersächsischen Gartenakademie, immer montags von 9-12 Uhr unter 04403 9838-11. oder per Mail an gartenakaedmie@lwk-niedersachsen.de.