Wenn der Frühling aus dem Takt gerät
Die Auswirkungen des Klimawandels
Der Frühling fühlt sich nicht mehr so an wie früher – irgendwie milder, schneller und unberechenbarer. Doch was bedeutet dieser Wandel konkret für Pflanzen, Gärten und die Natur insgesamt? Im Interview spricht Pflanzenexperte Olaf Schachtschneider vom Pflanzenhof Schachtschneider in Dötlingen über verschobene Blühzeiten, neue Risiken durch Spätfrost und Trockenheit sowie darüber, warum alte Gartenregeln heute oft nicht mehr greifen.
Welche Veränderungen in der Natur fallen besonders auf?
In der Natur merken wir, dass sich alles nach vorne verschoben hat. Am eindrucksvollsten kann dies bei der Birke beobachtet werden. In den 1980er Jahren war es Tradition mit einem Birkenzweig am Lenkrad des Fahrrads am 1. Mai durch die Region zu fahren. Damals war man stolz, wenn man einen frisch ergrünten Zweig zeigen konnte. Heute treibt die Birke bereits 4 Wochen eher aus und ist häufig schon um den 1. April grün.
Auch die Blütezeiten der Pflanzen verlagern sich. Viele Pflanzen blühen ebenfalls viele Wochen eher.
„Blütezeiten und Blattaustrieb haben sich deutlich nach vorne verschoben.“
Warum sind milde Winter und frühe Wärmephasen problematisch für Pflanzen?
Durch den sehr frühen Blattaustrieb sind die Pflanzen besonders spätfrostgefährdet. Das kann je nach Stärke der Frostgrade zum kompletten Absterben der Pflanzen führen. Und wir reden hier nicht von den Eisheiligen, sondern von Frösten, die noch im März oder April kommen.
Weiterhin benötigen die Pflanzen durch den frühen Blattaustrieb schon sehr früh im Jahr viel Wasser. Durch das häufig sehr trockene Frühjahr muss dann schon früh im Jahr gegossen werden.
Ein weiteres Problem ist, dass zu der Blütezeit viele Insekten noch nicht aktiv sind und somit blühende Pflanzen nicht befruchtet werden.
Welche Pflanzenarten reagieren besonders sensibel auf steigende Temperaturen im Frühjahr?
Im zeitigen Frühjahr ist das für die meisten Pflanzen noch kein großes Problem. Im späteren Frühjahr also Mai, mit seinen einzelnen Hitzetagen, können Pflanzen durch noch nicht komplett entwickelte Blätter Sonnenbrand bekommen. Das kann heimische Pflanzen genauso treffen wie fremdländische.
Gibt es Pflanzen, die mit diesen Temperaturschwankungen besser zurechtkommen als andere?
Jein. Das ist eine spannende Frage, die man so gar nicht beantworten kann.
Denn jedes Jahr ist anders! Und jedes Jahr haben andere Pflanzen Probleme mit den Temperaturschwankungen. Der Klimawandel macht Wetter unberechenbar: Hitze im Februar, Frost im April. Es kommt darauf an, wann und wie diese Schwankungen kommen.
Unser Tipp: Vielfalt! Je mehr unterschiedliche Pflanzen im Garten wachsen, desto sicherer ist es, dass viele davon mit den unterschiedlichsten Bedingungen zurechtkommen.
Wie verändern sich die zeitlichen Abläufe zwischen Pflanzen und Tieren?
In unserer Natur gibt es zahlreiche spezialisierte Tiere, meistens Insekten, die auf Blüten von einzelnen oder nur ganz wenigen Pflanzen angewiesen sind. Wenn diese Futterpflanzen nun aufgrund von starken Temperaturschwankungen zu früh treiben oder blühen, vielleicht sogar durch Spätfröste teilweise erfrieren oder durch Trockenheit oder Hitze verdorren, haben diese spezialisierten Insekten leider keine Möglichkeit sich zu ernähren und sterben im schlimmsten Fall aus. In der Folge stehen sie dann in der Nahrungskette als Futter für unsere Vögeln nicht mehr zur Verfügung. Das wirkt sich wiederum besonders auf den Vogelnachwuchs aus.
Worauf sollten Hobbygärtnerinnen und -gärtner heute im Frühling besonders achten?
Das Frühjahr ist und bleibt die beliebteste Pflanzzeit des Jahres. Dabei sollten ein paar Dinge beachtet werden:
Winterharte Pflanzen im zeitigen Frühjahr pflanzen: Die Pflanzen können dann in Ruhe im Boden neue Wurzeln treiben und wachsen viel besser an.
Herkunft der Pflanzen beachten: Wenn Pflanzen z.B. aus Gewächshäusern stammen und angetrieben wurden, dann vertragen diese keine kalten Temperaturen und müssen im Freien geschützt werden.
Pflanzzeiten bei wärmeliebenden Pflanzen einhalten: Tomaten, Paprika und Gurken setzt man z.B. erst Ende April, besser sogar erst im Mai.
Gibt es klassische Gartenregeln, die durch den Klimawandel nicht mehr zuverlässig funktionieren?
Tatsächlich gibt es eine Regel, die der Vergangenheit angehört. Ich zahlreichen Gartenbüchern steht, dass zur Zeit der Forsythienblüte die Rosen zurückgeschnitten werden. Da die Rosen aber häufig schon ab Mitte Februar treiben, wäre der März als Schnittzeitpunkt zu spät. Daher empfehlen wir unseren Kunden die Rosen dann zu schneiden, sobald die Großwetterlage den Frühling vorhersagt. Das ist meist ab Mitte Februar der Fall. Sollte dann dennoch ein Wintereinbruch kommen, schadet dies den Pflanzen i.d.R. nicht mehr.
Was empfehlen Sie Gartenbesitzerinnen und -besitzern im Umgang mit dem „neuen Frühling“?
Lasst euch von uns Gärtnern beraten! Pflanzen sind Lebewesen und haben auch Wünsche. Wer Pflanzen richtig behandelt (richtiger Standort, richtiger Boden, richtiger Dünger) hat über mehrere Jahrzehnte Freude daran.
Haben Sie noch einen abschließenden Rat?
Der Garten ist ein toller „Kraftort“. Hier kann man auftanken und abschalten. Natur kann aber manchmal auch ganz schön gemein sein. Misserfolge gehören beim Gärtnern auch dazu. Sei es, dass Mäuse oder Vögel das Saatgut oder keimende Pflanzen auffressen oder, dass eine kalte Frostnacht, Starkregen oder Trockenheit die Pflanzen schwächt oder absterben lässt.
Geauso gibt es aber auch zahlreiche Glücksmomente im Jahr. Wenn sich z.B. die Pflanzen doch vom Fost, Starkregen oder Trockenheit erholen. Oder vielleicht alles viel besser wächst als gedacht.
Unsere schnelllebige Zeit gibt uns oft das Gefühl, dass heute alles schnell, schnell gehen muss. Das führt oft zu Ungeduld in allen Lebenslagen. Daher ist mein wichtigster Gartentipp: Geduld haben mit sich und der Natur.
Von Janine Schulze